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Kunstwerk des Monats
Februar 2021

gaze, 2001

Markus Raetz (1941–2020)
Aquatinta auf Papier (Direktätzung mit dem Pinsel, drei Druckplatten)
Blattmass: 77 x 92.2 cm; Druckplatten: 33.4 x 56.5 cm
Inv.-Nr.: 3449

Viel weisser Raum, in der Mitte eine Fläche in unterschiedlichen Blautönen. Sie hat die Form einer liegenden Acht; zeigt sie den Blick durch einen Feldstecher? Der Titel dieses Werks von Markus Raetz – GAZE – scheint darauf hinzudeuten. Die fliessenden Blautöne erinnern an Wasser. Ein Ufer ist nicht sichtbar, aber eine horizontale Linie etwas unterhalb der Bildmitte markiert den Horizont. Mit diesen einfachen Mitteln sind die endlose Weite einer Wasserfläche und zugleich unser Blick auf diese dargestellt. Denn die enge Begrenzung der blauen Fläche ruft stets in Erinnerung, dass wir hier nur einen eingeschränkten Bildausschnitt zu sehen bekommen.

Ähnliche Formen sind in Raetz' Œuvre bereits früher zu entdecken: In den 1980er-Jahren entwickelt er motivisch verwandte Arbeiten aus gefalzten und gebogenen Blechen unter dem Titel Zeemansblik, die dieselbe Form wie die blaue Fläche in GAZE annehmen. Hier ist die Bewegung der Betrachtenden ausschlaggebend. Erst aus einer bestimmten Perspektive erscheinen wie von Zauberhand durch die sich verändernde Lichtreflexion Meerlandschaften auf den Blechen. In der Arbeit GAZE aus dem Jahr 2001 ist diese Bewegung zum Stillstand gekommen, thematisiert aber gerade im explizit begrenzten Bildraum ebenfalls die Bedingtheit unserer Wahrnehmung. Sowohl diese Metareflexion als auch das Wiederaufgreifen früherer künstlerischer Arbeiten und Themenfelder sind charakteristisch für das über fast sieben Jahrzehnte reichende Schaffen dieses bedeutenden Schweizer Künstlers und profunden Beobachter des Beobachtens.

Markus Raetz (1941–2020), Maler, Zeichner und Objektkünstler, wuchs in Büren an der Aare auf. Ab 1963 als freier Künstler tätig, zählt er längst zu den wichtigsten Persönlichkeiten, die die Schweizer Gegenwartskunst hervorgebracht hat. Seine Werke sind in allen grösseren Museen der Schweiz und in vielen bedeutenden Institutionen in Europa und in den USA vertreten.

Text: Lorin Reichwein