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Kunstwerk des Monats
Mai 2021

CHAVIOLAS 4, 2011

Barbara Heé (*1957)
Heliogravüre/Aquatinta
Bildmass: 27.5 x 37.5 cm
Druck: Arno Hassler, Atelier de gravure, Moutier
Inv.-Nr. 3580

«Der See ist ein weites, stilles Auge», schreibt der französische Philosoph Gaston Bachelard (1884–1962) in seinem Buch Das Wasser und die Träume. «Der See nimmt alles Licht auf und baut mit ihm eine Welt. Durch ihn ist die Welt bereits betrachtet, schon dargestellt. Und er könnte auch behaupten: Die Welt ist das, was ich von ihr wiedergebe.» Mit dem Silsersee, welcher die Lärchenwälder und das schneebedeckte Hochgebirge wiedergibt, und seiner Insel Chaviolas setzt sich Barbara Heé seit mehr als 30 Jahren künstlerisch auseinander. Zuerst «nur» als Inspirationsquelle für ihr zeichnerisches Schaffen angedacht, entwickelten ihre Landschaftsbilder zunehmend ein Eigenleben. Seit 2000 fotografiert Heé den grössten See des Oberengadins regelmässig. Das eigentümliche Novemberlicht, welches die Serie von 2011 auszeichnet und zu der Chaviolas 4 gehört, unterstreicht die Nuancen des Himmels und die geheimnisvoll lauernde Wasserfläche, die still zu liegen scheint, aber doch vom hartnäckigen Malojawind nicht unberührt bleibt.

Doch der See ist für Barbara Heé nicht einfach nur ein Gewässer: Früh mit Todesfällen in der Familie und im Freundeskreis konfrontiert, entwickelte die Künstlerin ein starkes Bewusstsein für die Zeitlichkeit des Lebens. Die Suche nach einem adäquaten Ausdruck für ihre Wahrnehmung von Energien – innere, geistige wie auch äussere, kosmische – treibt sie um. Ihre künstlerische Auseinandersetzung versteht sie daher als eine Reise ins Unbewusste und ein Herauskehren des Innern. In Chaviolas 4 klingt daher eine tiefe Verbundenheit der Seele mit dem Spirituellen an. Der See als Abbild einer menschlichen Seele. Dunkel. Spiegelnd. Schwierig zu ergründen. Ein Resonanzkörper? Auch Friedrich Nietzsche (1844–1900), der 1881 erstmals den See sah und bis 1888 mehrere Sommer in Sils Maria verbrachte, hatte hier nach eigenen Worten «eine blutsverwandte Landschaft» gefunden. Ähnlich scheint es Heé zu ergehen.

Das Verschmelzen von See und Umgebung, das Wechselspiel der Spiegelungen und Reflexionen faszinierte zahlreiche Künstlerinnen und Künstler: Stellvertretend seien der Schweizer Fotograf Albert Steiner (1877–1965), die US-amerikanische Malerin Georgia O’Keeffe (1887–1986) oder Ferdinand Hodler (1853–1918) genannt. Die Landschaften des letzteren, besonders jene des Genfer- und Thunersees, beeindrucken durch Rhythmus, Symmetrien und Muster. Die sich wiederholenden Formen und Farben, die einen Eindruck von Einheit hervorrufen – Hodler sprach vom Parallelismus – zeigen in einer Art «Weltgesetz», dass das Universum nach schönen, gesetzmässigen Mustern funktioniert. Die Symmetrien im Kleinen wie im Grossen waren für Hodler versteckte Gottesbeweise – die Welt war für ihn eine bewusst gestaltete Schöpfung. Und er als Maler wollte diese sichtbar machen.

Schliesslich noch ein paar Zeilen zur besonderen Technik des Bildes Chaviolas 4, der sogenannten Heliogravüre (griech. «mit der Sonne schreiben»). Zwischen 1890 und 1910 weit verbreitet, wird sie heute als Edeldruckverfahren fast nur noch von Fotografinnen und Künstlern genutzt. Grundlage dieser Reproduktionstechnik ist ein mit Gelatine beschichtetes, lichtempfindliches Papier, das mit UV-Licht belichtet wird. Die den Strahlen ausgesetzten Partien härten dabei aus. Zum Entwickeln wird nun das Gelatinepapier feucht auf eine mit Aquatintakorn versehene Kupferplatte gequetscht. Im anschliessenden warmen Wasserband lösen sich die ungehärtete Gelatine und das Papier ab. Zurück bleibt ein Relief aus der zuvor belichteten, also gehärteten Gelatine. Im Ätzbad durchdringt danach die Säure die Stellen ohne oder mit wenig Gelatine schneller, weshalb diese Zonen im späteren Druck dunkler erscheinen. Nach dem Entfernen der Säure und Gelatineschicht ist die Platte für den Druck bereit. Eine Attraktivität der Heliogravüre ist die differenzierte Wiedergabe von Halbtönen in feinsten Abstufungen. Unschärfen, die von unzähligen Grauabstufungen leben, erscheinen dadurch besonders weich. Ihre Wiederentdeckung verdankt die Heliogravüre Künstlerinnen und Fotografen wie Gerhard Richter (*1954), Balthasar Burkhard (1944–2010) oder Cécile Wick (*1954). Die beiden letzteren sind auch in der Sammlung des Kunst(Zeug)Haus vertreten.

Barbara Heé (*1957, St.Gallen), Tochter eines Textilfabrikanten, liess sich zwischen 1974 und 1976 an der Kunstgewerbeschule St.Gallen zur Textildesignerin ausbilden. Anschliessend besuchte sie von 1976 bis 1980 die Kunstgewerbeschule in Zürich und erhielt diverse Stipendien der Stadt und des Kantons Zürich, 1985 das eidgenössische Kunststipendium. Seit den 1980er-Jahren zeigt sie ihre Werke in Einzel- und Gruppenausstellungen, u.a. im Musée cantonal des Beaux-Arts in Lausanne und im Kunsthaus Zürich.

Text: Florian Hürlimann.