Kunstwerk des Monats
September 2025

Flügel, braun,1980

Erica Pedretti (1930–2022)
210 x 110 x 46 cm
Bambus, Draht, Stoff, Latex
Inv.-Nr. 1684

Das Werk mit dem Titel Flügel, braun ist ein fabelhaftes Beispiel für die eigenwillige und poetische Kunst von Erica Pedretti. Es handelt sich nicht um eine naturgetreue Abbildung eines Flügels, sondern um eine organische und anmutende Form, die sich einer klaren Deutung entzieht. Materialien wie Bambus und Stoff werden über ein Drahtgerüst gezogen und mit Latex versteift, sodass eine hautartige Oberfläche entsteht. Die Werkgruppe der Flügel wird von Pedretti im Raum schwebend inszeniert. Meist an dünnen Drähten aufgehängt – ein poetischer Gegenentwurf zur Schwerkraft. Die asymmetrische Form, die Textur und die innewohnende Dynamik erinnern an Insekten- oder Fledermausflügel oder gar an Überreste eines gescheiterten Fluges eines Menschen? Das Objekt scheint ein Überbleibsel, ein Fragment zu sein von etwas Grossem, das nicht mehr existiert. Durch den vermeintlich instabilen Zustand entsteht eine Spannung zwischen Aufbruch und Verfall.

In der Kunstgeschichte ist die Symbolik des Flügels tief verwurzelt. Er steht für Freiheit, Transzendenz und für den Wunsch, sich über das Irdische zu erheben. Zur gleichen Zeit aber auch für das Scheitern dieser Sehnsucht – dem Absturz. Diese Ambivalenz zeichnet auch das Werk Pedrettis aus. Es wirkt wie ein stiller Nachhall eines Traums vom Fliegen, welcher nie ganz verwirklicht wurde. Das Objekt bleibt bewusst durch die Künstlerin offen zur Interpretation. Pedretti sah die Flügel als Zwischenräume oder als Zonen des Übergangs: fremd genug, um nicht eindeutig zu sein, und nah genug, um in den Betrachter:innen etwas zu berühren. Flügel, braun vermittelt dennoch eine existenzielle Tiefe, die weit über das Materielle hinausgeht. Es ist ein Werk, das von Verlust und Sehnsucht erzählt, von Erinnerung, von Geborgenheit, aber auch Entwurzelung. Eine Reminiszenz an die Erfahrungen der Künstlerin mit Heimatverlust, Fremdsein und der inneren Zerrissenheit.

Erica Pedretti (1930–2022) wurde im Jahr 1930 in der Tschechoslowakei geboren und gelangte im Jahr 1945 mit einem Rotkreuztransport in die Schweiz. Nach einigen Jahren in den USA, wo sie als Gold- und Silberschmiedin arbeitete, kehrte sie in die Schweiz zurück und heiratete den Künstler Gian Pedretti. Mitte vierzig fand die Künstlerin zur Literatur. Es entstanden Romane, Prosatexte, Hörspiele, Gedichte und Bilderbücher. 2013 wurde sie mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Ab den 1980er-Jahren prägte sie zugleich die Kunstszene nach ihrer ersten Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn.

Text: Miriam D’Errico