Kunstwerk des Monats
August 2026

MALEREI (ITALIEN), 2001

Hugo Suter (1943–2013)
Geätztes Glas, Acrylglas, MDF, Holz, Schwamm, Bürste, Kübel, Mausefalle, Roller, Metall, Kabel, Massstab, Klebeband, Stein, Plastik
171 x 108 x 31 cm
Inv.-Nr. 62

 

Ist das Glas vor diesem Bild beschlagen? Nein, es muss so sein. Hugo Suters Malerei (Italien) erinnert an eine unscharfe Fotografie und zeigt die Umrisse einer von Dunst oder Nebel umhüllten Stadt. Man glaubt, die Silhouetten von ineinander verschachtelten Gebäuden und Mauern zu erkennen. Aber hinter der geätzten Glasscheibe verbergen sich Alltagsgegenstände, welche die Illusion auf der Vorderseite ermöglichen. Malerei (Italien) kann von zwei Seiten betrachtet werden. Zwei Perspektiven, zwei Sicht-Weisen sind buchstäblich möglich.

Suters Vorliebe für Glas als Materialträger hängt mit seinem Interesse an Fragen der Wahrnehmung zusammen. Die Werke der Serie Malerei aus dem Jahr 2002 bestehen aus Kästen, welche zum einen mit klug arrangierten objets trouvés bestückt sind, während die jeweils andere Seite aus einer semitransparenten Glasscheibe besteht. Durch die geschickte Aneinanderreihung der Gegenstände entsteht eine Szenerie, welche durchs Glasscheint und vorgibt, ein klassisch gerahmtes Tafelbild zu sein.

Die Zwei-Seitigkeit von Suters Malerei (Italien) erinnert konzeptuell an Ferdinand de Saussures (1857–1913) Zeichenmodell. Gemäss den Erkenntnissen des Schweizer Sprachwissenschaftlers besitzt ein Wort zwei Ebenen: den Signifikanten und das Signifikat. Der Signifikant ist die materielle Ebene eines Zeichens: Bei einem Wort wäre das die geschriebene Form, bei Suters Malerei (Italien) wären dies die Alltagsgegenstände. Das Signifikat hingegen wäre die Vorstellung, die sich in unseren Köpfen zusammensetzt, wenn wir ein Wort aussprechen oder ein Bild betrachten – in Suters Fall eine italienische Stadt. An diese Überlegungen schliesst sich auch René Magrittes (1898–1967) bekanntes Bild mit dem Titel Ceci n’est pas une pipe an, in dem die abgebildete Pfeife als Rauchinstrument erkannt wird, aber gleichzeitig nicht eine reale Pfeife ist, sondern lediglich ein Bild davon, eine Vorstellung, eine Idee. So kann auch Suters Bild verstanden werden, nämlich als eine Assemblage aus Plastik, Mausefalle, Schwämmen und Holz, aber auch als Vedute einer italienischen Stadt am Horizont. Somit stellt sich die Frage, welche Seite «richtiger» ist, welche mehr der Realität entspricht. Oder können beide Seiten gleichzeitig als die «wahre» Seite gelesen werden und zwei Realitäten gleichzeitig echt sein?

Hugo Suter (1943–2013) absolvierte eine Ausbildung als Tiefdruckretoucheur und besuchte später die Kunstgewerbeschule in Zürich. In den 1970er-Jahre war er Mitglied der Ateliergemeinschaft Ziegelrain in Aarau und erlangte 1972 das Eidgenössische Kunststipendium. Seine erste Solo-Ausstellung eröffnete im Jahr 1982 im Kunstmuseum Aarau und eine weitere Ausstellung im Kunsthaus Zürich folgte sechs Jahre später. Suters Werk beschäftigt sich umfassend mit den Zusammenhängen zwischen künstlerischem Schaffen und wissenschaftlichem Forschen, wobei die Täuschung der Sinne und die Wahrnehmung der Betrachtenden herausgefordert werden.

Text: Celina Britez