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Kunstwerk des Monats
Juli 2026

Moment 10, 2013

Luo Mingjun (*1963)
Bleistift auf Papier
30 x 42 cm
Inv.-Nr. 3511



Strassen sind faszinierende Orte. Sie ebnen uns den Weg und verbinden Quartiere, Orte, Länder. Als Teil einer weitverzweigten und komplexen Infrastruktur dringen sie wie Kapillaren in die entlegensten Winkel der Welt vor. Eine Strasse reguliert den Verkehr, verschafft Zugang, bietet Raum für Handel und Begegnung. Sie birgt aber immer auch Gefahren. Unfälle, Tragödien, Gewalt: Eine schlecht beleuchtete Strasse wird schnell zu einem Ort, an dem alles geschehen kann. «Auf der Strasse zu leben» bedeutet, am untersten Ende der sozialen Leiter angekommen zu sein. Metaphorisch steht die Strasse für den Lebensweg – in Roadmovies entwickeln sich die Protagonist:innen, indem sie unterwegs sind. Die Strasse als Lebensschule, als Ort der Reifung. Weggabelungen sind Metaphern für jene Momente, in denen weitreichende Entscheidungen gefällt werden müssen – die berühmteste Geschichte dazu ist wohl jene von Herkules am Scheideweg.

Hauptprotagonistin in Luo Mingjuns Werk Moment 10 ist die Strasse. Schnell identifiziert man sie dank des typischen Velostreifens als eine schweizerische Variante der Tiefbaukunst. Die nächtliche Szenerie wird vom Scheinwerferlicht eines entgegenkommenden Autos erhellt. Die Bleistiftzeichnung, erklärt die Künstlerin, sei kein realistisches Abbild, sondern vielmehr eine Assemblage – ein Zusammenspiel aus einer fotografischen Aufnahme, der eigenen Erinnerung und den Gedanken, die sie in genau diesem Moment durchlebt habe: Wo stehe ich im Leben? Woher komme ich? Wer kommt mir, wie das Auto, entgegen, und mit welcher Absicht? Wohin möchte ich mich entwickeln – als Künstlerin, die öffentlich mit Werken in Erscheinung tritt, aber auch als Privatperson? Was fühlt sich richtig an in diesem Moment?

Diese Suche nach Orientierung ist eng mit Luos Identität verknüpft. Wie bewahrt man die eigenen (chinesischen) Wurzeln, während man gleichzeitig in der Schweiz neue schlägt? Eine Einordnung dieser Erfahrungen findet die Künstlerin in den Schriften des karibischen Denkers Édouard Glissant (1928–2011). Er prägte den Begriff der «Kreolisierung» und beschreibt damit einen lebendigen, niemals abgeschlossenen Prozess, bei dem verschiedene Kulturen aufeinandertreffen, miteinander verschmelzen und etwas Neues entsteht. Dies bedeutet nicht, dass eine Kultur von einer anderen dominiert wird oder in einem Einheitsbrei verschwindet. Die Beteiligten verändern sich zwar durch den Austausch, behalten aber ihre eigene Identität und Einzigartigkeit. Luo Mingjuns Kunst agiert genau in diesem Spannungsfeld und bringt in Moment 10 genau jene Fragen und Gefühle zum Ausdruck, die viele Menschen mit unterschiedlichen Wurzeln beschäftigen.

Luo Mingjun (*1963, Hunan, China) studierte zwischen 1979 und 1983 an der Hochschule für Bildende Künste in Hunan und spezialisierte sich auf Ölmalerei – eine westliche Technik, die in chinesischen Akademien oft von in Russland ausgebildeten Professoren unterrichtet wurde. Nach ihrem Abschluss lehrte Luo als Assistenzprofessorin an ihrer Alma Mater und wurde 1984 mit dem Preis der Provinz Hunan ausgezeichnet. 1987 kam sie in die Schweiz und liess sich in Biel nieder. Es folgten zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland. Luos Werke fanden Eingang in diverse Sammlungen, unter anderem in die weltweit beachtete Sigg Collection, eine der wichtigsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst aus China.

Text: Florian Hürlimann